Iphigenie – Ein Traum von einem akkurat repräsentierten psychologischen Trauma (eine Theaterkritik)

Es ist bei Weitem wahrscheinlich kein Geheimnis, dass Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ nicht eines der Beliebtesten Werke ist – die Reden wirken schwülstig, die Charaktere sehr eindimensional und auch Goethe selbst schämte sich für dieses Werk ein paar Jahre nach dessen Vollendung. Dieses Drama ist vollgestopft mit dem Ideal der Humanität und dessen Wichtigkeit – und lässt dabei viele Aspekte offen oder nur sehr zaghaft angerissen, die durchaus für mehr Inhalt und Spannung hätten sorgen können.

Darum war es umso erfrischender, die Inszenierung dieses Stückes im Celler Schlosstheater zu sehen. Hierbei wurde alles aus dem Weg geschafft, was das ursprüngliche Drama so langweilig gemacht hat – und bei diesem Experiment wurde kein Stein unumgedreht gelassen. So konzentrierte man sich auf die psychologischen Aspekte und Traumata der Figuren viel mehr als auf dieses blasse Ideal der Humanität – und das Ergebnis war spektakulär.

Die Schauspieler gingen tiefer und offenbarten sich mehr, als viele es auch in der Realität schaffen, und dank gesonderter „Therapiesitzungen“, in denen die Figuren endlich lebendig und wunderschön gebrochen wirken konnten, kam ein erstaunlicher Gegenwartsbezug zustande. Zwar wurden die Sprache und die Handlung beibehalten, aber es kam nie das Gefühl auf, dass das Gesprochene nicht auch auf die heutige Zeit zutreffen könnte. Auch wurden viele Texte abgeändert und hinzugefügt, was mir persönlich erst etwas befremdlich erschien, sich im Sinne der Wirkung auf den Zuschauer jedoch völlig ausgezahlt hat. Selbst die vielen Brüche in der Ästhetik und die vielen, eher ungewöhnlichen Darstellungsarten der Schauspieler haben keineswegs abgeschreckt, sondern eher zum Nachdenken angeregt und die Spannung so aufrecht erhalten.

An dieser Stelle muss auch ebenfalls die außergewöhnliche Leistung der vier Schauspieler Zora Fröhlich, Felix Lüke, Tanja Kübler und Hussam Nimr gewürdigt werden, denn diese waren oft in vielen Rollen tätig und haben es geschafft, ihre Seelen wirklich offen für den Zuschauer auszulegen.

Es lässt sich also klar sagen, dass ein Besuch dieser Vorstellung in der Halle 19 überordentlich lohnenswert ist – wenn auch nur, um zu bewundern, wie diese vier Menschen es schaffen, ein so dröges Textdimensional zum Leben zu erwecken und ihre Charaktere endlich atmen lassen.

von Maxine Eicker

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