Interview mit Frau Dr. Stiegelmeier (Promovieren – Teil 2)

Im zweiten Teil der Interview-Reihe geht es nun um das naturwissenschaftliche Fachgebiet, genauer gesagt die Biologie.

Hierzu wurde Frau Dr. Stiegelmeier interviewt, die in Lebensmitteltechnologie promoviert hat. Sie befasste sich mit Bedingungen für das Wachstum und Säureproduktion von Milchsäurebakterien im Sauerteig und dem Einfluss auf die Textur und Haltbarkeit des daraus entstehenden Brotes.

Wie lange dauert es ungefähr zu promovieren?

Das ist abhängig vom Studienfach und von der Finanzierung. In den Naturwissenschaften zum Beispiel muss man mit 3–5 Jahren rechnen. Ich hatte ein Stipendium von der EU für 2 Jahre für die experimentellen Arbeiten, einen Theorie-Teil mit Vorlesungen hatte ich vor Beginn des Stipendiums bereits in Spanien absolviert. Die Forschungsarbeiten in Deutschland dauerten schließlich 3 Jahre, und dann kam natürlich noch die Nacharbeit des Schreibens.

Somit war es dann insgesamt 1990 bis 1994.

Allgemein würde ich insgesamt auch 4 bis 5 Jahre nennen, mindestens 3, bei den meisten sind es 4 Jahre.

Wie sehen Promotionsarbeiten ungefähr aus?

Sie sehen aus wie eine Dissertation, sie ist also in unterschiedliche Kapitel aufgeteilt wie z. B. Einleitung, Theoretischer Hintergrund, Ergebnisse und Zusammenfassung.

Was muss man alles machen und beachten?

Man muss vor allem darauf achten, dass die Ergebnisse, die man erzielt auch reproduzierbar sind, das heißt, man wiederholt Experimente und zeigt, dass die gleichen Ergebnisse erzielt werden. Wenn man wie ich mit Bakterien arbeitet, gibt es auch Wochenend- und Nachtarbeit, weil man rund um die Uhr mit den Experimenten beschäftigt ist, denn Milchsäurebakterien wachsen ja nicht nur tagsüber, sondern natürlich auch nachts.

Es ist auch viel Denk- und Lesearbeit zu leisten. Die eigenen Hypothesen müssen aufgestellt und dargestellt werden. Dazu kommt, dass man alles detailliert erklären muss, auch was vorher zu diesem Thema schon bekannt war, sodass man diese in den Zusammenhang mit den eigenen Ergebnissen bringt, die auch wirklich neue sein müssen.

Jede Woche schaut man nach neuen Erkenntnissen in der Wissenschaft, in der Hoffnung, dass nicht das eigene Projekt dabei ist, also dass jemand vor einem dazu die Ergebnisse und Erkenntnisse geliefert hat, sodass man die Promotion abbrechen muss, weil man kein neues Thema mehr behandelt.

Wie finanziert man sich währenddessen? Wie im Studium?

Eine Nebentätigkeit ist zeitlich nicht möglich, da man wirklich rund um die Uhr beschäftigt ist.

Ohne ein Stipendium oder eine Promotionsstelle geht es kaum, denn es sind ja nicht nur die Lebenshaltungskosten, sondern durch die Forschungsarbeit entstehen auch Kosten für Chemikalien, Geräte und Labor. Für ein Stipendium oder eine Promotionsstelle muss man sich bewerben und hoffen, eine attraktive Stelle zu bekommen

Höchstens beim Schreiben kann man nebenbei noch arbeiten.

Wie frei kann man dabei arbeiten?

In den Naturwissenschaften wird eine Promotion in einem Labor oder in enger Zusammenarbeit mit einem Labor durchgeführt. Die Forschungseinrichtung wird von einem Professor/in geführt und seine/ihre Forschungsinteressen beeinflussen natürlich auch die Inhalte der Promotion.  Man kann auch Gruppenarbeit in Verbindung zum Thema machen, aber keiner macht exakt dasselbe. Die Projekte sind somit unterschiedlich je Anstalt, Uni und den vorhandenen Geräten. Begrenzt wird alles vom Thema, Geld, Interesse und Material.

Wie sehr unterscheiden sich Doktorarbeiten in unterschiedlichen Fachgebieten?

Durch die experimentelle Arbeit in den Naturwissenschaften unterscheidet sich eine Doktorarbeit in diesem Fachgebiet sehr stark von der eher literaturbezogenen Arbeit in Literaturwissenschaft oder Jura.

Ihnen gemeinsam ist das Streben nach neuen Erkenntnissen. Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Forschern bei Kongressen im jeweiligen Fachgebiet, die einem praktische Tipps und neue Ideen bringen können.

Kopieren ist in den Naturwissenschaften kaum möglich, da man eigene Ergebnisse präsentieren muss, die neue Erkenntnisse darstellen. Die gleiche Methode für die Ergebnisse und Messwerte ist möglich.

In der Forschungsarbeit ist der Fokus total auf das Thema gelenkt, so dass man manchmal sehr einseitig am eigenen Thema arbeitet. Man hat sich dann darin ein sehr großes Fachwissen erarbeitet, doch manchmal vergisst man dabei auch über den Tellerrand zu schauen.

Darf man das Thema ganz frei wählen? Und wenn ja, wie entscheidet man sich für ein Thema bzw. auf welche Kriterien achtet man da?

Man sucht sich die Stipendien nach Thema, Spezialisierungen, Studium und Vorlieben aus, bevor man sich bewirbt, aber das Traumthema gibt es nicht immer…

Wer prüft bzw. kontrolliert Doktorarbeiten?

Bei jeder Doktorarbeit gibt es einen „Doktorvater“, der die Arbeit betreut. Die fertige Arbeit wird dann von einem zweiten Professor begutachtet.  Der Doktorvater und der Leiter des Projektes sind für die Betreuung des Doktoranden verantwortlich und achten auf:

– Fortschritt der Doktorarbeit

– Kontrolle des Projektes

– liest den bisherigen Text/ bisherige Ergebnisse

Der Prüfungsausschuss gibt am Ende die Note für die Promotion.

Wieso entschließt man sich dazu?

Weil einem die Forschung und das damit verbundene Entdecken gefällt. Bei mir war es zusätzlich noch so, dass ich früher an der Universität bleiben wollte, wofür man in Spanien einen Doktortitel benötigt und ich bekam dann zwei Stipendien, eines davon für eine Forschungsarbeit an der Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung in Detmold. Erst wollte ich in Spanien bleiben, aber damals gab es in Spanien eine hohe Arbeitslosigkeit und wenige Jobs und ich bekam dann den Kontakt nach Deutschland und hatte Interesse.

Wenn man sich dazu entschließt, muss man auch sehr viel Ausdauer, Motivation und Lust mitbringen?

Ja! Lust, Interesse und Freude am eigenen Projekt und Neues zu entdecken, weil es eben ein Vollzeitjob ohne Unterbrechung ist, wo jeder für sich selbst arbeitet. Also wenn man die Forschung nicht mag, dann geht es nicht. Es hat mir persönlich Spaß gemacht, aber es gab natürlich auch Phasen des Zweifelns und Enttäuschungen.

Ist es sozusagen nur noch Prestige?

Der Doktortitel kann schon helfen, aber nur als kleiner Faktor.

Gibt es wirkliche Vorteile? Zum Beispiel im Beruf?

Man hat Erfahrungen in einem bestimmten Bereich gesammelt und sich viel Wissen und Ausdauer erarbeitet. Bei der Anstellung im Lehrerberuf gibt es keine Vorteile, und im täglichen Leben auch nicht.

Dafür lernt man aber wirklich Ausdauer zu haben.

Merkt man an der Arbeitsweise, ob Leute promoviert haben oder nicht?

Im Spanischunterricht merke ich es nicht, in dem Bereich habe ich aber auch nicht promoviert. In Biologie merke ich es an kleinen Details und an der Methodik beim Experimentieren. Der Unterschied zwischen Forschen und Unterrichten ist generell groß.

Woran liegt es, dass Plagiatsvorwürfe entstehen?

In den Naturwissenschaften ist es aufgrund des experimentellen Teils der Arbeit eher selten. Plagiatsvorwürfe werden vor allem in Fachgebieten geäußert, in denen die Literaturarbeit im Vordergrund steht und dort Zitate oder die Übernahme von nur unwesentlich veränderten Textpassagen nicht als solche kenntlich gemacht wurden und damit geistige Leistungen anderer Verfasser als eigene „verkauft“ werden. Es ist für mich persönlich undenkbar und unvorstellbar und ich verstehe auch nicht, warum man es macht.

Müssen Professoren an Universitäten auch vorher eine Doktorarbeit angefertigt haben?

Unbedingt notwendig ist dies nicht, es hilft natürlich im Bewerbungsverfahren, denn die Doktorarbeit soll die Fähigkeiten zur eigenständigen Forschungsarbeit deutlich machen. Im Lehrerberuf sind promovierte Lehrkräfte eher selten, in der Forschung ist es schon eher nötig, denn die zwei Buchstaben vor dem Namen erhöhen das Ansehen.

Wird der Titel auch überall angeführt?

In Deutschland ja, beim Namen und offiziellen Dingen.

Legen Sie darauf Wert, mit Titel angesprochen zu werden?

Nein, es ist mir nicht wichtig. Ich benutze ihn auch gar nicht, weil man ihn außerhalb der Forschung nicht braucht.

Was ist das Thema ihrer Doktorarbeit?

Ich habe in Lebensmitteltechnologie promoviert, mein Thema befasste sich mit den Bedingungen für das Wachstum und Säureproduktion von Milchsäurebakterien im Sauerteig und dem Einfluss auf die Textur und Haltbarkeit des daraus entstehenden Brotes.

Haben Sie noch weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen außer der Doktorarbeit?

Ja, während der Doktorarbeit wurden Teile in Zeitschriften veröffentlicht, was auch für die Bekanntheit wichtig ist, und in einem Kongress wurden meine Ergebnisse vorgestellt.

Würden Sie wieder promovieren oder es anderen Leuten empfehlen?

Ich würde wieder promovieren, weil es mir Spaß gemacht hat und es eine große Freude war am Ende mein eigenes fertiges Buch zu haben. Außerdem auch, weil es eine ziemlich spannende Zeit ist. Lehrern würde ich es nicht empfehlen, da man es nicht für den Beruf braucht, aber ansonsten würde ich es jedem empfehlen, der Naturwissenschaft und Forschung mag, Lust und ein Stipendium oder eine Promotionsstelle hat.

von Karen Heuer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.